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Die reine Stimmung: Vorbemerkung

Neufassung: Lektionen zur Musiktheorie       Die reine Stimmung

Was bedeutet beim Klavierspielen wohltemperiert?
Oder: Vom Zauber der reinen Terz.



"Bei der gleichstufigen Stimmung werden die Quinten so anpaßt
dass das pythagoreische Komma verschwindet
... und damit ist die Geschichte für viele Schreiber und Musiker zu Ende

... außer, dass dieses System auf schreckliche Weise die musikalische Harmonie vereinfacht.

Denn viele heutige Musiker bemerken dabei nicht,
wie schrecklich die große Terz bei gleichstufiger Stimmung klingt.
Dieses Intervall ist der unsichtbare Elefant in unserem System.
...
Fazit: Unbeschadet, wie meistervoll die heutigen Musiker sind,
sie hören nicht mehr die schlechte Große Terz der gleichstufigen Stimmung,
weil sie diese stets benutzen (Konditionierung)
und nie eine reine große Terz gehort haben (Ignoranz).

nach Ross W. Duffin: "Wie die gleichstufige Stimmung die Harmonie ruinierte"



Bemerkung: Ich habe hier in der Überschrift den Terminus wohltemperiert gewählt, da er über Johann Sebastian Bach berühmt ist. Jedoch besteht - und das ist weniger bekannt- zwischen wohltemperiert und gleichstufig ein Unterschied. Dies wird in den Lektionen erläutert. Unsere Tasteninstrumente sind - genau genommen - gleichstufig gestimmt. Jedoch gibt es historisch gestimmte Cembali und Orgeln (sowie Stage Pianos, bei denen man historische Stimmungen einstellen kann). Wer dort die Schönheit eines reinen - oder fast reinen Schlusskadenzen gehört hat, kann sehr gut verstehen, dass immer mehr Orgel auch historisch gestimmtes Register besitzen. Kloster Kirchberg
Kloster Kirchberg bei Sulz/Horb Baden-Württemberg. Dort ist die Orgel mitteltönig gestimmt. Diese Stimmung kommt der reinen Stimmung bei C-Dur-verwandten Tonarten nahe.


Dazu folgendes extremes Beispiel (hohe Lage, obertonreich, "Fiathupe").

Bei den folgenden Beispielen bitte hier Bitte hier klicken klicken.
Falls der Flashplayer nicht installiert ist: die grau unterlegte Beschreibung anklicken!


c2e2
c2e2 große Terz
 

rein

gleichstufig

Werckmeister III

normal



528 660 (Hz)

c2  e2





528 665,2 (Hz)

e2 um 5,2 Hz verstimmt.

5,2 Hz entspricht 17 Cent

(erträglich)



528 661,4 (Hz)

c2  e2

(quadratischer)
Differenzton
verstärkt



132 528 660 (Hz)

c   c2  e2






137,2 528 665,2 (Hz)

c um 5,2 Hz verstimmt.

In dieser Lage verheerend:

5,2 Hz entspricht 67 Cent

(Zum Vergleich:

Halbton = 100 Cent)




133,4 528 661,4 (Hz)

      c2  e2

zusätzlich
kubischer
Differenzton



132 396 528 660 (Hz)

c   g1  c2  e2




137,2 390,8 528 665,2 (Hz)




133,4 394,6 528 661,4 (Hz)

            c2  e2



Die (bei Verstimmung verheerenden) Differenztöne hört man bei eine Zweiklang im Ohr schwach mit.

Bei mitteltönig und nach Kirnberger III wohltemperiert gestimmten Instrumenten ist dieser Zweiklang in C-Dur fast rein gestimmt.

Man hört deutlich, dass der Differenzton c=e2-c2 bei der gleichstufigen Stimmung um 67 Cent vom reinen c deutlich mehr als ein Viertelton abweicht. (Beim kubische Differenzton g1=2·c2-e2 sind es "nur" 23 Cent - ein "Komma").

Die bei der gleichstufigen Stimmung unangenehm bemerkbare Schwebungen sind bei obertonreichen Klängen - wie etwa bei Zungenregistern- besonders ausgeprägt.

Weitere Hörbeispiele

Weiteres Beispiel:

1mus_neumark1



1mus_neumark2




Gerade bei diesem schönen Satz von Georg Neumark (zugegebenermaßen: Hier in der Computersimulation nicht gerade sensibel gespielt) spürt man, dass die Harmonien bei der gleichstufigen Stimmung platt wirken (Wie bei einer Glocke, die einen Sprung hat). Allerdings: man gewöhnt sich auch wieder schnell an die gleichstufige Stimmung. Und das dürfte der Grund sein "warum die gleichstufige Stimmung die Harmonie ruinierte". (nach Ross.W. Duffin):


Nach der Praxis nun zur Theorie

Die reine Stimmung: Einführung in die Theorie

Neufassung bei Wikipedia

Bemerkung: Bezüglich der Centangabe genügt für das Verständnis dieses Aufsatzes zu wissen: Die Musiktheoretiker haben sich darauf geeinigt, als Maß für einen (gleichstufigen) Halbton 100 Cent anzugeben (analog zur Prozentrechnung).

Die Oktave (12 Halbtöne) wird demnach mit 1200 Cent angeben. Näheres hierzu

Intervalle werden durch Frequenzverhältnisse ausgedrückt

Die Oktav: Frequenzverhältnis 2:1 (1200 Cent).
Beispiel: c3 : c2 = 1056 Hz : 528 Hz = 2 : 1

Die Quinte: Frequenzverhältnis 3:2 (702 Cent).
Beispiel: g2 : c2 = 792 Hz : 528 Hz = 3 : 2 (in C-Dur, rein)

Die Quarte: Frequenzverhältnis 4:3 (498 Cent).
Beispiel: f2 : c2 = 704 Hz : 528 Hz = 4 : 3 (in C-Dur, rein)

Die große Terz: Frequenzverhältnis 5:4 (386 Cent).
Beispiel: e2 : c2 = 660 Hz : 528 Hz = 5 : 4 (in C-Dur, rein)

Die kleine Terz: Frequenzverhältnis 6:5 (316 Cent).
Beispiel: es2 : c2 = 633,6 Hz : 528 Hz = 6 : 5 (in C-Dur, rein)

Jetzt kommt die Störung, die dafür sorgt, dass alle rein gestimmten Instrumente bei Modulationen umgestimmt werden müssten: Es gibt zwei Ganztöne.

Der große Ganzton G: Frequenzverhältnis 9:8 (204 Cent).
Beispiel 1: d2 : c2 = 594 Hz : 528 Hz = 9 : 8 (in C-Dur, rein)
Beispiel 2: e2 : d2 = 668,25 Hz : 594 Hz = 9 : 8 (in D-Dur, rein)

Der kleine Ganzton G-: Frequenzverhältnis 10:9 (182 Cent).
Beispiel: e2 : d2 = 660 Hz : 594 Hz = 10 : 9 (in C-Dur, rein)

Der Halbton H: Frequenzverhältnis 16:15 (112 Cent).
Beispiel: f2 : e2 = 704 Hz : 660 Hz = 16 : 15 (in C-Dur, rein)

Damit lassen sich alle Dur- und Molltonarten aufbauen. Aber wie man hier schon sieht: Bei Modulationen verschieben sich die Frequenzen (siehe oben: e2 =660 Hz in C-Dur und e2 = 668,25 Hz in D-Dur).

Siehe Beispiel Modulation von C-Dur nach a-Moll.

Beispiel: Die C-Dur Tonleiter , die D-Dur-Tonleiter (Doppeldominante) und die d-Moll-Tonleiter (Parallele zur Subdominante)



C-Dur c2 (G) d2 (G-) e2 (H)  f2   (G) g2 (G-) a2 (G)  h2 (H)  c3

      528    594     660     704      792     880     990     1056


D-Dur        d2 (G)  e2 (G-) fis2 (H) g2 (G)  a2 (G-) h2 (G)  cis3 (H) d3

             594     668,25   742,5   792     891     990     1113,75  1188

d-Moll       d2 (G)  e2 (H)  f   (G-) g  (G)  a  (H)  b  (G)  c   (G-) d

             586,67  660      704     782,22  880     938,67  1056     1173,33

Man sieht: Bei der reinen Stimmung verändert sich beim Übergang von C-Dur in D-Dur (die Tonart der Doppeldominante) nicht nur f in fis und c in cis um einen Halbton, sondern auch noch e um ein "Terzkomma" und a um ein Terzkomma. Diese "Feinmodulation" kommt in der Notenschrift gar nicht zum Ausdruck.

Und: Beim Übergang von C-Dur in d-moll (die Tonart der Mollparallele der Subdominante) verändert sich nicht nur h in b um einen Halbton sondern d um ein Terzkomma und g um ein Terzkomma.

Würde man die Töne nicht erhöhen oder erniedrigen, wären die Terzen oder die Quinten bei der Kadenz Tonika - Subdominante - Dominante, bei der alle acht Töne der Tonleiter erfasst werden, unrein.




Rechnung dazu:

                                                     3
   In D-Dur: d2 = 594 Hz. Eine Quinte höher a2 = 594·- Hz = 891 Hz.
                                                     2
                                         3
             Eine Quinte höher: e3 = 891·- Hz = 1336,5 Hz. Eine Oktave tiefer: e2 =668,25 Hz.
                                         2

                                                            6         2
   In d-moll: f2 = 704 Hz. Eine kleine Terz tiefer d2 = 704:- Hz = 586- Hz.
                                                            5         3
                                       2 4         2
              Eine Quart höher g2 = 586-·- Hz = 782- Hz.
                                       3 3         9



Faustregel: Ein "Kreuz" oder ein "B" verändert zwei Töne: einen Ton um einen Halbton, einen anderen um ein Komma.

Die Rolle der großen Terz. Beim Aufkommen der Mehrstimmigkeit entdeckte man die Konsonanz der großen reinen Terz. Zuvor kannte man wohl nur den großen Ganzton. Nach zwei großen Ganztönen war dann der Halbtonschritt - das Leimma - entsprechend kleiner (die pythagoreische Stimmung). Die Terz mit zwei Ganztönen ist um ein Terzkomma zu hoch und wurde als dissonant betrachtet.




          

  c2    e2

528 Hz  660 Hz

   c2    e2+

528 Hz  668,3 Hz
Leise hört man den Differenzton c mit. Dieser wird nun verstärkt.


   c    c2      e2
132 Hz 528 Hz  660 Hz
c?cis   c2      e2+
140,3  528 Hz  668,3 Hz


Einschub Frequenzverhältnisse werden multipliziert.
                        5                    6                                3
Beispiel 1: Große Terz (-) und kleiner Terz (-) ergeben zusammen eine Quinte (-):
                        4                    5                                2


                        5                    6                                3
                        -         ·          -                 =              -
                        4                    5                                2



                                                                                   9 10   5
Beispiel 2: Goßer Ganzton · kleiner Ganzton ergeben zusammen eine große Terz, d.h. -·—— = -
                                                                                   8  9   4



                                                          9 9   81
Beispiel 3: Zwei große Ganztöne ergeben den Ditonos, d.h. -·- = ——.
                                                          8 8   64


                                               81                            5      5 81   81
            Der Ditonos ist um das Terzkomma  (——) höher als die große Terz (-), da -·—— = ——.
                                               80                            4      4 80   64


Der Quintenzirkel schließt sich in der reinen Stimmung nicht.


                                                  3 12
Zwölf Quinten ergeben das Frequenzverhältnis von (-)   = 531441/4096 = 129,7 während
                                                  2


                                           2 7
sieben Oktaven das Frequenzverhältnis von (-)  = 128 haben. Der Unterschied ist das pythagoreische Komma.
                                           1

Mitteltönige Stimmungen: Um mehrere Tonarten auf einem Tasteninstrument spielen zu können, muss man also Kompromisse eingehen. Bei den mitteltönigen Stimmungen werden der große und der kleine Ganzton angepasst.

Vorteil: Fast reine Akkorde, soweit man sich C-Dur-nah bewegt.
Nachteil: Man kann nur C-Dur-nahe Tonarten spielen. Entfernt man sich zu weit von C-Dur, gibt es unreine Quinten (genannt "Wolf"). Siehe "F-Dur/As-Dur".

Wohltemperierte Stimmungen: Diese sind der Versuch, so zu stimmen, dass alle Tonarten gespielt werden können. Es gibt keine zu unreine Quinten mehr. Die Terzen sind dafür um so mehr geschärft. Bei manchen Tonarten mehr, bei manchen weniger.

Gleichstufige Stimmung. Während es bei mitteltönigen und wohltemperierten Stimmungen viele Versuche gibt, die alle ihren Reiz haben, gibt es nur eine gleichstufige Stimmung. Die Oktave wird in zwölf gleiche Intervalle geteilt. Jede Tonart klingt gleich rein oder unrein. Charakteristisch sind die sehr geschärften Terzen (siehe Beispiel oben). Heutzutage hat sich bei den Klavieren und elektronischen Instrumenten die gleichstufige Stimmung durchgesetzt. Sie ist verteufelt bequem aber nicht das Ideal.

Violine und Klavier: Das menschliche Ohr kann sich nur auf die reine, natürlichen Stimmung einhören (reine Oktaven, Quinten und Terzen). Auf dem Klavier sind sie etwas "verstimmt" (damit alle Tonarten spielbar bleiben). Das Klavier bleibt stur, also muß der Geigenspieler, Sänger, Hornspieler und so weiter nachgeben und zum Beispiel die Terz zum Grundton mit dem Klavier zusammen "geschärft" spielen.

Das Programm TTmusik ermöglicht ein tieferes Verständnis. Man kann die Unterschiede hörbar zu erleben.



Literatur und weiterführende Links

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